MATER MELAHAT

Weißer Pelz; Lo48, 010825, 17:45



Seit 21 Tagen steht dein liebevoll gewählter Strauß auf meiner breiten Fensterbank.
Die Blüten tragen noch Farbe,
Sanfter nun, wie mit Neben betupft
Das Rosa schenkt mir weiterhin Kraft,
das Blau macht meine Gedanken leicht,
das Weiß, es atmet mir die Schwere aus der Seele.
Doch unter dieser stillen Schönheit fault es.
Das Wasser ist längst trüb,
ein dumpfer See aus abgestandener Zärtlichkeit,
Bräunlich, gelblich, undurchdringlich.
Fäden ziehen sich von den Stängeln ins Glas,
dunkel wie von Masern durchfresste Adern,
als würden die Blumen sich schützen vor dem Vergessen,
ihr Innerstes an das Wasser abgeben,
um nicht gänzlich zu verschwinden.
Außerhalb des Wassers klebt weißer Pelz,
schmiegt sich an die Stängel wie ein hungriger Schatten,
verhüllt die Blätter, frisst sich Tag für Tag ein Stück weiter vor.
Der Schimmel wächst,
wild und bestimmt.
Ich lasse ihn.
Ich beobachte das Vergehen.
Manchmal mit Ekel, manchmal mit Ehrfurcht.
Denn während die Stängel sich auflösen,
werden die Blüten schwerer, fast schöner.
Sie neigen sich tiefer,
sie leuchten.
Widerständig.
Unheimlich lebendig.
Ich wechsle das Wasser nicht.
Ich schneide nichts nach.
Ich will sehen, wie weit Schönheit gehen kann,
bevor sie zerfällt.
Oder ob sie sich vielleicht nur verwandelt
in etwas Wahreres,
etwas Ehrlicheres als Frische:
eine Schönheit, die weiß, dass sie stirbt,

und gerade deshalb bleibt.